Individuelle Bewältigungsstrategien: Was hilft uns am besten?

Eine optische Darstellung der Kategorien und den wörtlich genannten Tätigkeiten und Gedanken lässt sich in dem beigefügten Link einsehen.

Die Pandemie hat die Menschen in eine Situation gebracht, in der sie noch nie waren, und in der es auch keine Erfahrungswerte aus der Vergangenheit gab. Während der Ausgangssperren und -beschränkungen mussten und müssen die Menschen oftmals einen neuen Tagesablauf für sich und vielleicht auch für ihre Kinder entwickeln, der sich zudem hauptsächlich in den eigenen vier Wänden oder bestenfalls im eigenen Garten abspielte. Es konnte ausschließlich zu Hause gegessen werden, Eltern mussten ihre Kinder selbst unterrichten und vielleicht sogar ihre eigenen Eltern versorgen. Der Lockdown brachte viele in eine unangenehme und eigenartige Mischung aus Langeweile und Überforderung. In dieser Situation entwickelten viele Menschen Strategien, um diese Phase gut zu überstehen; Verfilmungen von selbstentwickelten Witzen oder Liedern, die massenweise über WhatsApp versendet wurden, tägliche Konzerte auf Balkonen, seit Jahren anstehende Entrümpelungen von Wohnungen und viele andere Aktivitäten sind ein Zeichen dafür.

Gleichzeitig sehen wir Aktivitäten, die den Menschen den neuen Alltag erleichtern, als persönliche und individuell entwickelte Copingstrategien. Diese wurden kollektiv in diesem Ausmaß noch nie in so kurzer Zeit entwickelt, ausprobiert, angewendet und über das Internet mit anderen geteilt. Ein Ziel dieser Studie war es, möglichst viele verschiedene persönliche Bewältigungsstrategien zu erheben und deren Zusammenhänge mit soziodemographischen Faktoren, der individuellen Resilienzausprägung, der Psychosomatischen Kompetenz sowie der Ängstlichkeit und Depressivitätsneigung zu untersuchen.

Wir möchten hier in einem ersten Schritt die Bewältigungsstrategien darstellen, die uns von den Menschen, die an der Studie teilgenommen haben, berichtet wurden. Davor aber ein kurzer Einblick, wer an unserer Studie im Frühjahr 2020 teilgenommen hat: Insgesamt waren dies 681 Personen. 518 davon haben die Umfrage vollständig ausgefüllt. 384 der 518 Personen (76%) befanden sich zum Zeitpunkt des Lockdowns in Österreich, 119 Personen (23,6%) in Deutschland. Eine Person befand sich sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Weitere Personen befanden sich in europäischen Nachbarländern: Italien (3), Schweiz (2), Slowenien (2), Frankreich (1), Norwegen (1) und Großbritannien (2). Eine Person war in Ecuador und in Deutschland. Zwei Personen machten keine Angaben zu ihrem Aufenthaltsort während des Lockdowns.

Beziehungsstatus.

129 (224,9 %) Personen gaben an, ledig zu sein, 209 (40,3 %) Personen gaben an, in einer Partnerschaft zu leben, 155 (29,9 %) Personen waren verheiratet oder in einer eingetragenen Partnerschaft, 22 (4,2 %) waren geschieden oder getrennt lebend und weitere drei (2 %) gaben an, verwitwet zu sein.

Formales Bildungsniveau.

Die Stichprobe bestand aus zwei (0,4 %) Personen mit Pflichtschulabschluss, 25 (4,8 %) Personen mit abgeschlossener Lehre/Berufsausbildung, 174 (33,6 %) Personen mit Matura und 312 (60,2 %) Personen mit Hochschul-/Fachhochschulstudium (5 fehlende Daten; 1 %).

Hauptberufliche Tätigkeit.

Die Stichprobe bestand aus 191 (36,9%) Studenten, 204 (39,4%) Angestellten, 45 (8,7%) Beamten, 40 (7,7%) Selbstständigen und 6 (1,2%) Arbeitslosen. Weitere 19 (3,7%) Personen waren im Ruhestand, 6 (1,2%) Personen waren in Elternzeit und eine Person (,2%) war Hausfrau (6 fehlende Daten; 1,2%).

Individuelle Bewältigungsstrategien.

Wir erhoben mithilfe einer offenen Frage die individuellen Bewältigungsstrategien während des Lockdowns. Aus den Antworten wurden induktiv 20 inhaltliche und zwei zusätzliche Kategorien („ungültige Antworten“ und „keine Strategien“ notwendig) erstellt. Die Kategorien weisen eine sehr hohe Interrater-Reliabilität mit κ=95,89 auf. Nach der Überprüfung der Interrater-Reliabilität wurden Diskrepanzen diskutiert und korrigiert. In der folgenden Tabelle 1 sind alle Kategorien geordnet nach ihrer Häufigkeit dargestellt.

Tabelle 1: Kategorien geordnet nach Häufigkeit der Nennung und Kategorienbeschreibung.

Nr.KategoriennameKategorienbeschreibung
1Sportliche und körperliche Aktivitätensportliche und körperliche Aktivitäten ohne Arbeitscharakter (z. B. Wandern, Radfahren, Workout, Ballspiele)  
2Kreative Aktivitätenaktive und kreative Aktivitäten, teilweise mit Unterhaltungscharakter (z. B. musikalische, künstlerische, spielerische, aber auch handwerkliche Aktivitäten)  
3Haus- & GartenarbeitBesorgungen, Reinigung, Renovierung und Pflege von Haus und Garten (z. B. Aufräumen, Dekorieren, Entrümpeln, Reparieren und Putzen)
4Familie & Partnerschaftjeglicher Kontakt oder Aktivität mit Familie und Partner (inkl. Kinderbetreuung)  
5Kochen & EssenLebensmittelzubereitung und -verzehr (z. B. Kochen, Backen, neue Rezepte ausprobieren, Marmelade kochen und Grillen)  
6Soziale Kontaktejeder Kontakt mit Freunden, Nachbarn, Kollegen und Bekannten  
7Gesundheit, Entspannung & KörperpflegeSelbstfürsorge, Entspannung und gesunder Lebensstil (z. B. Make-up, Gesichtsmasken, Meditation, Schlaf, sexuelle Aktivitäten, gesunde und ausgewogene Ernährung, Fasten)  
8Kommunikationmündliche & schriftliche Gespräche (z. B. von Angesicht zu Angesicht; Telefonanrufe, SMS, Briefe)
9Natur & frische LuftZeit im Freien verbringen (z. B. Zeit im Garten verbringen, ,auf dem Balkon, Sonnenbaden, Ausflüge in die Natur)
10Virtuelle & Online-Meetingsvirtuelle und Online-Kommunikation, sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext (z. B. Videoanrufe, Skype, soziale Medien, FaceTime, Foren und Plattformen, WhatsApp)  
11Arbeit & HomeofficeVerfolgung der (beruflichen) Arbeit (z. B.: zur Arbeit gehen, einen Job weiterführen, Homeoffice)   
12   Digitaler & analoger Medienkonsum              Aktivitäten, die primär zur passiven Unterhaltung, Ablenkung oder Belustigung durchgeführt werden, sowohl digital als auch analog (z. B. Fernsehen (Serien, Filme), Musik hören, Netflix, Internet)   
13Strukturierung des AlltagslebensStruktur in den Alltag bringen, Routinen beibehalten und finden (z. B. strukturierter Tagesablauf, Trennung von Freizeit und Arbeit, Schaffung eines genussvollen Tagesablaufs, Disziplin, Wochenpläne)  
14Ausbildung & Weiterbildungpersönliche, aber auch berufliche Weiterbildung, Studium oder Schule (z. B. Studium, Erlernen einer Fremdsprache, Heimunterricht, Berufsausbildung)  
15Kognitive StrategienReflexion und Nachdenken, positive Betrachtungsweise, Introspektion (z.B. Selbstreflexion, Strategien entwickeln, Beten, Akzeptanz und Annahme der Situation, Konzentration auf das Wesentliche im Leben, Humor)  
16(Pro-)soziale Aktivitäten    Unterstützung und Hilfe für andere (z. B. Unterstützung bei psychischen Problemen, Freiwilligenarbeit, andere aufmuntern, sich um andere kümmern, Besorgungen für Nachbarn machen)  
17   Beschaffung von Informationen & Verfolgen von Nachrichten  Recherchieren einer Vielzahl von Themen, Sammeln von Informationen über Covid und Verfolgen der Nachrichten (z. B. Lesen von Pressemitteilungen und Artikeln, Beschaffung von Informationen über Covid, Sammeln von Informationen, Verfolgen der Nachrichten)  
18Zeit für oder mit Haustieren  Beschäftigung mit und Pflege von Haustieren und Tieren (z. B. Katze streicheln, Hundetricks beibringen, Pferd versorgen, mit Hund spazieren gehen)  
19Informationelle Abgrenzung und Grenzsetzungreduzierter Nachrichtenkonsum oder Distanzierung von der Auseinandersetzung mit Covid-Themen im Allgemeinen, Ruhe genießen: Distanzierung von anderen Menschen (z.B. negative Menschen/Informationen meiden, gesellschaftskritisch bleiben, keine Nachrichten verfolgen, nur ausgewählte Nachrichten verfolgen)  
20Kurzfristige EntlastungsstrategieKurzfristige Bewältigungsstrategien (z. B. Alkoholkonsum, Rauchen, Drogeneinnahme, psychischer Zusammenbruch ohne Hilfe zu suchen)  
21Fehlendenicht verwertbare Aussagen oder Themenverfehlung  
22Keine notwendigkeine Aktivitäten zur Bewältigung des Lockdowns und Aussagen, dass keine Bewältigungsstrategien notwendig waren, teilweise weil sich nichts verändert hat

Insgesamt 338 Teilnehmer gaben an, etwas Sportliches zu machen (65,3 %). Fast die Hälfte der Teilnehmer (254) beschäftigte sich mit kreativen Tätigkeiten (z. B. Musizieren oder Basteln) (49 %). 191 Teilnehmer beschäftigten sich mit Haus- oder Gartenarbeit (36,9 %). 184 Teilnehmer nutzten die Zeit für Familie oder Partnerschaft (35,5 %). 182 Teilnehmer beschäftigten sich mit Kochen oder Essen (35,1%). 160 Teilnehmer pflegten ihre sozialen Kontakte (30,9%). 131 Teilnehmer verbrachten Zeit mit ihrer Gesundheit, der Pflege ihres Körpers oder einfach nur mit Ausruhen (25,3%). 139 Teilnehmer kommunizierten regelmäßig mit anderen persönlich oder per Telefon (26,8%) und 140 trafen sich in Online-Meetings (27%). Ein Viertel der Personen verbrachte viel Zeit in der Natur und an der frischen Luft (25,5 %). 115 Teilnehmer widmeten sich ihrer Arbeit, entweder am Arbeitsplatz oder per Home-Office (22,2 %). 106 Personen hörten Musik oder schauten Filme oder Serien (20,7 %). Fast ein Fünftel (99 Teilnehmer) sorgte für eine geordnete Tagesstruktur (19,1%). 96 Teilnehmer widmeten sich ihrer Ausbildung oder bildeten sich weiter (18,5 %). 71 Personen reflektierten die Situation oder ihr Leben, einige besannen sich auf die positiven oder wichtigen Dinge im Leben, andere beteten (13,7 %). 32 Teilnehmer unterstützten Menschen aus der unmittelbaren Umgebung oder taten etwas für die Allgemeinheit (6,2 %). 37 Teilnehmer (7,1%) verfolgten die Nachrichten und informierten sich über verschiedene Dinge (hauptsächlich über das Virus), während 19 Personen sich von den Nachrichten und verschiedenen Medien distanzierten (3,7%). 31 Personen (31 %) verbrachten viel Zeit mit ihren Haustieren (einschließlich Pferden). Gesundheitsschädigende Strategien, wie der Konsum von Zigaretten, Alkohol und Drogen oder Wutausbrüche wurden der Kategorie “Kurzfristige Entlastungsstrategie” zugeordnet, dies trifft auf 24 Personen (4,6%) zu. Schließlich wurden insgesamt 21 Strategien den Kategorien “fehlend” oder “keine Angabe” zugeordnet (4 %). Die Häufigkeiten sind in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung 1: Häufigkeiten der Bewältigungsstrategien: Wie oft wurden die Strategien genannt?

Wir haben auch untersucht, wie viele Strategien die einzelnen Personen nannten. Dabei hat sich gezeigt, dass durchschnittlich fünf Bewältigungsstrategien genannt wurden. Die Minimalanzahl der berichteten Bewältigungsstrategien ist 1 und die Maximalanzahl ist 37 (Abbildung 2).

Abbildung 2: Anzahl der Strategien, die pro Person genannt wurden.

Personen, die an unserer Umfrage während des harten Lockdowns im Frühjahr 2020 teilnahmen, profitierten am häufigsten von sportlichen Tätigkeiten als Bewältigungsstrategien, gefolgt von kreativen Tätigkeiten. Die häufigsten neun Tätigkeiten sind Aktivitäten, die sowohl mit einer gewissen Selbstfürsorge einhergehen, aber auch soziale, familäre und genussorientierte Aspekte beinhalten. Jedenfalls sind es Aktivitäten, in denen das Online-Sein nicht im Vordergrund steht, diese kommen erst auf dem zehnten Platz, hauptsächlich als digitale Kommunikation, um das, was face-to-face nicht möglich ist, mit Geräteunterstützung zu schaffen. Erst danach kommen Strategien wie Strukturierung des Alltags oder lange vor sich hergeschobene Aufgaben endlich zu erledigen. Weiter hinten rangieren Strategien wie Informationssuche über Covid-19, aber auch bewusste Informationsdiät, der Fokus auf Haustiere und kurzfristig entlastende Strategien wie Alkoholkonsum.